„Aber das ist das Buch, nach dem ich schon immer gesucht habe!“ sagt Lucy. Mama ist manchmal so schrecklich realistisch, und wahrscheinlich wird sie ihr gleich sagen, dass sie nicht noch einmal loszieht und sich in den Geschäften dem Einkaufsstress aussetzt.
„Ich werde nicht noch mal losziehen und mich in den Geschäften dem Einkaufsstress aussetzen“ sagt Mama und Lucy muss ein ganz klein wenig grinsen. „Wir können dir das Buch nach Weihnachten besorgen.“
„Aber kannst du nicht mal im Internet….“ versucht es Lucy.
„Lucy!“ sagt Mama in dem Ton, bei dem Lucy weiß, jeder Versuch ist zwecklos. Sie seufzt. Dann muss sie sich das Buch eben wirklich nach Weihnachten besorgen. Ganz großer Mist ist das! Gerade dieses Buch bräuchte sie so dringend… aber Mama ist in einer Laune, wo Lucy besser nicht mehr darauf besteht, das Buch zu besorgen. Und Papa ist noch auf der Arbeit, und wenn er nach Hause kommt heute Abend, dann muss er den Weihnachtsbaum holen fahren. Und ihre große Schwester ist bei so etwas nie eine Hilfe. Also eben doch bis nach Weihnachten warten…
„Was hat dir denn die Petersilie verhagelt?“ Das ist Antonia, ihre große Schwester.
„Nicht so wichtig“, sagt Lucy, aber Antonia setzt sich schon neben sie auf die Couch. Lucy starrt hinaus in den kahlen Walnussbaum. Antonia guckt ebenfalls.
„Was guckst du denn da?“ fragt sie.
„Nichts“, sagt Lucy, die überhaupt keine Lust hat, mit Antonia über ihr Problem zu reden. Aber die lässt nicht locker.
„Hey, Kurze“, sagt sie, „spuck’s schon aus. Wär doch echt doof, ein Tag vor Ferienbeginn so miese Laune zu haben.“
Lucy schaut zu Antonia. Manchmal kann ihre große Schwester wirklich ganz nett sein.
„Tja“, sagt sie, „heute auf dem Heimweg bin ich am Buchladen vorbei gekommen.“
Antonia lacht.
„Du kommst jeden Tag am Buchladen vorbei“, sagt sie. „Es ist etwas Besonderes, wenn du mal nicht hineingehst.“
Lucy grinst. Bücher sind für sie das allergrößte. Antonia hat recht, sie kann stundenlang in dem Buchladen herum stöbern und würde sich am liebsten alle Bücher kaufen. Es ist auch zum Verrückt werden, jedes Mal entdeckt sie mindestens ein Buch mit einer neuen, aufregenden Geschichte. Es gibt hunderte davon! Und jede Geschichte ist besser als die andere. Manchmal denkt Lucy, es müsste ein Buch geben, in dem die allerbeste Geschichte der Welt steht. Vielleicht wäre diese Geschichte so gut, dass man gar nie wieder eine andere lesen möchte? Lucy würde das zu gerne einmal ausprobieren! Die beste Geschichte der Welt… und heute, genau heute, lag da im Buchladen im Schaufenster ein Buch, und darauf stand in verschnörkelter Schrift: „Die beste Geschichte der Welt“. Und ausgerechnet heute war Lucy viel zu spät und musste ganz schnell zum Bus. Und dann sagt Mama, als Lucy fragt, ob sie sich noch ein Buch wünschen kann zu Weihnachten, einfach, das sei unrealistisch…
Das alles erzählt Lucy Antonia. Ob Antonia das versteht? Ein bisschen scheint sie zu grinsen.
„Ach Kurze“, sagt sie, „ich versteh schon. Du suchst die beste Geschichte der Welt, oder? Und jetzt musst du bis nach Weihnachten warten, um herauszufinden, ob das Buch wirklich die beste Geschichte der Welt in sich hat.“
„Stell dir vor, das ist so“, sagt Lucy. „Meinst du, wenn man die beste Geschichte der Welt gefunden hat, dass man dann gar keine andere mehr lesen braucht?“
„Keine Ahnung“, sagt Antonia und wirkt schon wieder etwas gelangweilt. „Ich finde sowieso, dass die besten Geschichten echte Geschichten sind.“
Lucy schaut ihre große Schwester an. Eine Idee steigt langsam in ihren Kopf und macht sich darin breit.
„Anton“, sagt sie, das sagt sie immer, wenn sie ihre Schwester gerade ganz doll mag, „Anton, was wäre denn für dich die beste Geschichte?“
Antonia lacht. „Wenn Marko endlich mal bemerkt, dass ich existiere“, sagt sie. „Aber erzähl das nicht Mama!“
Lucy schüttelt den Kopf. Typisch Anton. Die und die Jungs… tolle Geschichte.
„Echt jetzt, Kurze“, sagt Antonia. „Die beste Geschichte wäre für mich, wenn ich das mit der Schule einigermaßen hinkriege und nachher einen guten Job hab.“
Sie steht auf. „Soll ich mal mit Mama reden wegen deiner besten Geschichte?“
„Nee, lass mal“, sagt Lucy. Sie will Mama lieber nicht damit auf die Nerven fallen, sie muss sie noch etwas anderes fragen…
Mama ist in der Küche und räumt die letzten Reste vom Mittagessen weg.
„Mama“, sagt Lucy, „was ist die beste Geschichte der Welt?“
„Lucy“, sagt Mama, „fang nicht schon wieder damit an.“
„Nein“, sagt Lucy, „es geht gar nicht um das Buch. Ich habe mir nur überlegt, dass, wenn man die beste Geschichte der Welt findet, man vielleicht nie mehr eine andere braucht.“
Mama stellt eine Schüssel in den Kühlschrank und schaut Lucy an.
„Das würde uns viel Geld sparen“, sagt sie, aber sie lacht dabei und Lucy lacht auch.
„Im Ernst, Mama“, sagt sie, „was ist die beste Geschichte der Welt?“
„Das weiß ich doch nicht“, sagt Mama. Sie setzt sich auf einen Stuhl am Küchentisch. „Das ist ganz schön schwierig. Ich kann dir höchstens sagen, was es für mich ist…“
„Au ja“, sagt Lucy, „ich mache nämlich eine Erhebung.“
Mama lacht. Dann wird sie ganz still. Sie denkt nach, Lucy kann das an der Falte auf der Stirn sehen.
„Ich weiß nicht“, sagt Mama. „Als ich Papa kennen gelernt habe vielleicht. Aber das ist sehr persönlich, das gilt ja nicht für alle Menschen. Dass wir Anton und dich haben.“
Lucy schluckt. So was sagt Mama fast nie. Mama lächelt sie an.
„Das ist meine beste Geschichte“, sagt sie, „dass wir dich und Anton haben.“
Abends kommt Papa nach Hause. Seine Schuhe sind ganz verdreckt, er war schon beim Förster und hat den Weihnachtsbaum geholt. Lucy hilft ihm, den Baum aus dem Auto in den Garten zu tragen.
„Papa“, sagt Lucy, „ich mache eine Erhebung.“
„Aha“, sagt Papa. Er schnauft ein bisschen, weil der Baum ziemlich groß ist.
„Ja“, sagt Lucy, „ich suche die beste Geschichte der Welt. Wenn möglich, eine, die für alle gilt.“
„Häh?“ sagt Papa.
„Also“, erklärt Lucy, „Anton und Mama haben eine eigene beste Geschichte, die nur für sie gilt. Aber ich habe mir überlegt, ob es eine Geschichte gibt, die so gut ist, dass man nie wieder eine andere braucht.“
„Das ist mir zu kompliziert“, sagt Papa. So ist er immer. Einmal hat er gesagt, er würde sein ganzes Gehirn auf der Arbeit brauchen und abends sei nichts mehr davon übrig.
„Ich mache es ganz einfach“, sagt Lucy, „was ist für dich die beste Geschichte der Welt?“
„Dass ich gleich im Wohnzimmer die Füße hoch legen und Sportschau gucken kann“, sagt Papa.
Lucy knufft ihn. „Im Ernst!“ sagt sie.
„Das ist mein Ernst“, sagt Papa. „Jeden Abend habe ich die beste Geschichte der Welt: Feierabend.“
„Das ist keine Geschichte!“ sagt Lucy. Aber sie weiß, dass sie von Papa keine andere bekommen wird.
Später ruft die Oma an. Lucy redet sehr lange mit ihr. Sie fragt Oma dasselbe wie Anton, Mama und Papa. Die Oma wird ein bisschen traurig.
„Die beste Geschichte, Lucy-Kind“, sagt sie, „die beste Geschichte, die müsste erst noch geschehen. Die wäre, wenn Opa noch mal Weihnachten mit uns feiern könnte.“ Lucy schluckt. Der Opa ist letztes Jahr gestorben und die Oma vermisst ihn noch sehr. Lucy vermisst ihn auch. Das wäre eine beste Geschichte, die für ganz viele Leute gelten würde… aber nicht für alle.
An diesem Abend schläft Lucy sehr spät ein. Müde sitzt sie am nächsten Tag in der Schule. Sie haben noch zwei Stunden und dann Weihnachtsgottesdienst und dann Ferien.
Lucy grübelt immer noch über die beste Geschichte der Welt nach. Sie hört gar nicht richtig hin, was ihr Klassenlehrer sagt. Auch in dem Gottesdienst denkt sie immer noch an die beste Geschichte der Welt. Ob es die gibt? Und wenn ja, dann müsste doch irgendjemand die kennen? Eine Geschichte, die für alle gilt…
Ihre Klasse singt „Stille Nacht“ und Lucy bewegt nur den Mund. Sie kann sich nicht auf den Text konzentrieren, weil sie immer noch über die beste Geschichte nachdenkt.
Dann sind die aus der Sieben dran und sie sagen ein Gedicht auf, das voll ist mit altmodischen Wörtern. „Ich bring euch gute neue Mär…“ Lucy hört nur mit halbem Ohr hin. Sie überlegt, ob sie nach der Schule schnell in den Buchladen rein kann. Ach nein, sie haben ja früher Schluss heute und Mama holt sie ab. Sie wollen gleich weiter zu der Oma und sie für die Feiertage holen. Also wird das wieder nichts mit der besten Geschichte der Welt…
Und die ganzen Weihnachtstage über sucht Lucy nach der besten Geschichte der Welt. Sie fragt alle, die bei ihnen vorbeikommen oder die anrufen oder denen sie begegnet.
Onkel Hans und Tante Inge, die am ersten Feiertag zu Besuch kommen, können ihr auch nicht weiterhelfen. Onkel Hans sagt, die beste Geschichte, die er kennt, sei von einem Fischer, der einen großen Fisch auf dem Meer fängt. Damit kann Lucy gar nichts anfangen. Tante Inge sagt, die besten Geschichten seien die, die das Leben schreibt, aber dann fällt ihr keine ein.
Opa Fritz und Oma Hanne, die am ersten Feiertag anrufen, erzählen Geschichten vom Krieg, die Lucy nicht versteht.
Marion, Antonias Freundin, die am zweiten Feiertag zu Besuch kommt, sagt, die beste Geschichte sei, dass sie nächstes Jahr einen Schüleraustausch in den USA macht.
Jörg, Papas bester Freund, der am zweiten Feiertag abends zum Karten Spielen kommt, sagt, die beste Geschichte sei ein guter Wein, gute Freunde und ein gutes Spiel.
Die Brötchenverkäuferin, bei der Lucy am nächsten Tag Brötchen für das Frühstück holt, muss lachen, als Lucy sie nach der besten Geschichte der Welt fragt. „Dass ich die letzten zweieinhalb Tage frei hatte“, sagt sie.
Lucy nimmt die Brötchentüte und geht nach Hause. Sie denkt schon fast nicht mehr an das Buch. Ob es das überhaupt gibt, die beste Geschichte der Welt? Die von Mama hat ihr gefallen und die von der Oma. Aber sonst…
„Lucy!“ ruft jemand. Lucy dreht sich um. Da ist Johanna aus ihrer Klasse. Sie winkt. „Frohe Weihnachten!“ ruft sie. Lucy winkt zurück. Johanna kommt auf sie zu.
„Lucy“, sagt sie, „schön dich zu sehen. Wie war Weihnachten?“
Lucy zuckt die Schultern. Wie schon. Geschenke, Essen, Besuche und jetzt warten schon wieder alle auf Silvester. Und sie sucht die beste Geschichte der Welt und wird sie wahrscheinlich nie finden.
Und ehe Lucy so richtig weiß, was sie tut, erzählt sie Johanna alles.
Johanna lacht kein bisschen. Im Gegenteil.
„Lucy“, sagt sie, „da ist drei Tage lang Weihnachten und du hast die beste Geschichte der Welt nicht gefunden?“
„Was kann ich denn dafür?“ sagt Lucy. „Ich hab echt keine Ahnung, wen ich noch fragen kann!“
„Meinen Vater“, sagt Johanna. „Oder mich. Oder meine Mutter. Warum kommst du nicht einfach heute Nachmittag mal vorbei und wir erzählen sie dir?“
Und als Lucy am Nachmittag bei Johanna klingelt und dann im Wohnzimmer mit einer Tasse Kakao und einem Teller Kuchen sitzt, da beginnt Johannas Vater, ihr die beste Geschichte der Welt zu erzählen…
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